Beim Fenstertausch denkt kaum jemand an Asbest. Dabei sitzen gleich an mehreren Stellen rund ums Fenster Materialien, die asbesthaltig sein können: die Fensterbank aus Asbestzement, der alte Glaserkitt in der Falz, der Fugenkitt im Plattenbau – und in den Anschlussfugen wartet mit PCB oft noch ein zweiter Schadstoff. Dieser Beitrag erklärt, welche Bauteile am Fenster betroffen sind, welche Baujahre kritisch sind, wie der Nachweis läuft und was beim Ausbau und bei der Entsorgung gilt.
Welche Fensterbänke können Asbest enthalten?
Neben Fensterbänken aus Holz, Metall, Natur- und Kunststein wurden nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Umwelt vorwiegend in den 1960er bis 1980er Jahren, längstens bis 1992, auch Fensterbänke aus Asbestzement verwendet. Sie sind typisch für Wohnblocks, Verwaltungsbauten und Schulen dieser Bauzeit, kommen aber auch im Einfamilienhaus vor – innen wie außen.
Asbestzement ist fest gebundener Asbest: Die Fasern sitzen in einer Zementmatrix. Solange die Platte unbeschädigt ist und nicht bearbeitet wird, ist das Faserfreisetzungspotenzial gering. Kritisch wird es beim Rückbau – und ganz besonders beim Zuschneiden, Bohren, Abschleifen oder Abbrechen. Genau das passiert beim Fenstertausch regelmäßig, weil Fensterbänke einbetoniert, eingemörtelt oder eingeklebt sind und beim Ausbau brechen.
Das LfU weist darauf hin, dass sich Asbestzement-Fensterbänke mit Erfahrung bereits optisch erkennen lassen – allerdings ausdrücklich durch einen Schadstoffsachverständigen, nicht durch den Eigentümer. Eine Beprobung ist laut LfU nur im Zweifelsfall nötig; in der Praxis ist genau dieser Zweifel der Normalfall, weil Laien Asbestzement und moderne Faserzement- oder Kunststeinbänke nicht auseinanderhalten können.
Welche asbesthaltigen Baustoffe wann verbaut wurden, ist im Beitrag Wann wurde Asbest verbaut zusammengestellt.
Steckt auch im Fensterkitt Asbest?
Ja – und das überrascht die meisten. Der klassische Ölkitt (Glaserkitt) besteht laut LfU zu etwa 15 % aus Leinöl beziehungsweise Leinölfirnis und zu 85 % aus Schlämmkreide. Bis 1990 ist zusätzlich mit einer Beimengung von Asbestfasern von 1 bis 10 % zu rechnen.
Das betrifft den grauweißen, hart gewordenen Kitt, der bei alten Holzfenstern die Scheibe in der Falz hält. Er wirkt harmlos, bröckelt aber bei jedem Eingriff – und beim Ausglasen, Abstemmen oder Abbrennen alter Fenster wird er mechanisch stark beansprucht.
Ein zweiter Fall ist Teerkitt: Auch Teerprodukte mit hohen PAK-Gehalten kamen als Fensterkitt zum Einsatz, und diese können laut LfU ebenfalls Asbestfasern enthalten. Dann liegen zwei Schadstoffe im selben Material – eine Faserproblematik und eine chemische.
Häufig gelesene PCB-Belastungen von Fensterkitt relativiert das LfU dagegen: Dabei scheint es sich um geringe Sekundärkontaminationen zu handeln, also um Verschleppung aus benachbarten Bauteilen, nicht um eine primäre Belastung des Kitts selbst.
Was ist Morinol-Fugenkitt?
Morinol ist ein DDR-spezifischer Fugenkitt mit einem besonders hohen Asbestgehalt: Er enthält laut LfU rund 40 % Asbest in fest gebundener Form. Hergestellt wurde er von 1963 bis etwa 1984 und hauptsächlich für die Fugen von Plattenbauten verwendet – also genau dort, wo heute massenhaft Fenster getauscht und Fassaden saniert werden.
In den alten Bundesländern kamen vergleichbare Produkte nur mit geringer Verbreitung zum Einsatz. Wer ein Gebäude in Plattenbauweise aus dieser Zeit vor sich hat, sollte Morinol grundsätzlich als Verdachtsfall behandeln.
Auch hier gilt: fest gebunden heißt nicht ungefährlich, sondern nur, dass die Fasern im intakten Zustand gebunden sind. Beim Ausschneiden, Auskratzen oder Abstemmen der Fuge ändert sich das sofort.
Der zweite Schadstoff: PCB in den Anschlussfugen
Rund ums Fenster liegt neben Asbest häufig ein ganz anderes Problem. Dauerelastische Fugendichtmassen zählen nach LfU-Angaben zu den Hauptquellen für primäre PCB-Belastungen von Gebäuden – und zu den weit verbreiteten Anwendungsbereichen gehören ausdrücklich Anschlussfugen bei Fenstern, Fensterbänken, Türen und Treppen.
Die wichtigsten Eckdaten:
- Es handelt sich meist um graue Massen auf Polysulfid-Basis, auch als „Thiokol-Massen" bekannt. Sie können überstrichen sein.
- Der Einsatzzeitraum erstreckt sich insbesondere über 1955 bis 1975, mit dem Maximum zwischen 1964 und 1972. In dieser Zeit lag der Marktanteil bei 80 bis 90 %.
- PCB in offenen Systemen wurde 1978 verboten – trotzdem sind später eingebaute Fugendichtmassen nachweislich häufig noch bis Anfang der 1990er Jahre belastet. Eine Beurteilung allein nach Baualter bietet deshalb keine ausreichende Sicherheit.
- Massen auf Polyacryl-, Silikon- oder Polyurethanbasis enthalten kein PCB. In der ehemaligen DDR wurde auf PCB in Dichtungsmassen verzichtet.
- Statt PCB können Chlorparaffine als Ersatzweichmacher enthalten sein. Bei negativem PCB-Befund empfiehlt das LfU deshalb zusätzlich eine EOX-Prüfung.
- Und: Fugendichtmassen können zusätzlich relevante Asbestbeimischungen aufweisen.
Praktisch bedeutet das: Wer nur die Fensterbank auf Asbest untersuchen lässt, hat den Fensteranschluss noch nicht erfasst. Wichtig ist außerdem der Hinweis des LfU, dass sich hinter elastisch verfugten Anschlüssen oft Trenn- oder Isolierschichten befinden – die Fuge muss deshalb zumindest stichprobenhaft geöffnet werden.
Wie erkennt man Asbest am Fenster?
Verlässlich nur über die Materialprobe im Labor. Als asbesthaltig gilt Material ab einem Gehalt von mehr als 0,1 Masseprozent.
Die Probenahme unterscheidet sich je nach Bauteil:
- Fensterbank aus Asbestzement: Probenahme durch Abtrennen, wobei Staubentwicklung zu vermeiden ist.
- Kitt: Probenahme durch Ausschneiden oder Auskratzen mit einer Klinge oder anderem Handwerkzeug. Beim Verdacht auf Asbest – insbesondere bei Morinol-Fugenkitt – ist die Faserfreisetzung zu unterbinden.
- Fugendichtmasse: Probenahme durch Abtrennen. Bei Gebäudetrennfugen ist zusätzlich der Kontaktbereich des Betonteils oder Mauerwerks zu beproben, weil PCB in den Untergrund einwandern kann. Zustand, Form und Tiefe der Verfugung sowie die Abtrennbarkeit vom mineralischen Material sind mit zu erfassen – daraus ergibt sich später die Rückbautechnik.
Der Ablauf einer korrekten Asbest-Materialprobe und die Anforderungen an einen belastbaren Laborbefund sind in einem eigenen Beitrag beschrieben. Eine Übersicht über weitere typische Fundstellen im Gebäude gibt Asbest erkennen im Haus.
Ein Hinweis zu Selbsttests: Das Problem ist nicht die Analyse, sondern die Entnahme. Wer ohne Schutzmaßnahmen an Kitt kratzt oder eine Fensterbank anbohrt, setzt Fasern frei, bevor überhaupt ein Ergebnis vorliegt.
Was gilt beim Ausbau?
Sobald der Befund Asbest bestätigt, sind die Arbeiten Tätigkeiten im Sinne der Gefahrstoffverordnung. Die Verordnung listet in § 11 Abs. 2 abschließend auf, was überhaupt zulässig ist: Abbruch, Sanierung und Instandhaltung. Ausgeführt werden dürfen sie nur von Betrieben mit Sachkunde nach TRGS 519.
Für die Praxis am Fenster sind drei Punkte entscheidend:
Zerstörungsfrei ausbauen statt zertrennen. Die Asbest-Richtlinie verlangt für nicht absaugfähige Produkte wie Platten, sie möglichst zerstörungsfrei und in nassem Zustand auszubauen und in staubdichte Behälter zu verpacken. Eine Fensterbank wird also gelöst, nicht zersägt.
Keine schnelllaufenden Maschinen. Das Bearbeiten von Asbest mit Winkelschleifern ist seit 1982 verboten. Flex, Trennschleifer und Schleifmaschine haben an asbesthaltigen Fensterbänken nichts zu suchen; gearbeitet wird staubarm, feucht und mit Absaugung.
Auftraggeberpflichten beachten. Nach § 5a der Gefahrstoffverordnung sind Auftraggeber Veranlasser und müssen dem ausführenden Betrieb vor Beginn der Arbeiten alle verfügbaren Gebäudeinformationen übermitteln, insbesondere das Baujahr. Bei Baujahren zwischen 1993 und 1996 kommt das Datum des Baubeginns hinzu.
Ab Dezember 2026 greift zusätzlich eine Genehmigungspflicht für bestimmte Abbrucharbeiten – die Einzelheiten stehen im Beitrag Asbest-Genehmigung ab 2026. Was Überstreichen oder Verkleiden statt Entfernen taugt, klärt Asbest überstreichen.
Wie wird asbesthaltiges Material vom Fenster entsorgt?
Für asbesthaltige Fensterbänke und asbesthaltigen Kitt gilt der AVV-Abfallschlüssel 17 06 05* (asbesthaltige Baustoffe). Fest gebundene oder behandelte asbesthaltige Abfälle werden auf Deponien beziehungsweise Deponiebereichen der Klassen I oder II sowie auf dafür zugelassenen Inertabfall-(Bauschutt-)Deponien abgelagert, verpackt zum Beispiel in Big Bags. Maßgeblich sind die Vorgaben der TRGS 519, der Deponieverordnung, der LAGA-Mitteilung M 23 und der AVV.
Für PCB-haltige Fugendichtmassen und damit kontaminierte Baustoffe gilt dagegen ein anderer Schlüssel: 17 09 02*. Diese Abfälle müssen beseitigt werden, eine Abtrennung des PCB ist nicht möglich. In Bayern sind sie der GSB Sonderabfall-Entsorgung Bayern GmbH zu überlassen, während asbesthaltige Abfälle nach dem Bayerischen Abfallwirtschaftsgesetz in Verbindung mit der Verordnung über den Abfallwirtschaftsplan in der Regel der zuständigen entsorgungspflichtigen Körperschaft zu überlassen sind.
Nicht asbesthaltige Fensterbänke laufen je nach Werkstoff getrennt: Holz unter 17 02 01 beziehungsweise 17 02 04* bei Belastung, Kunststein unter 17 01 07, Metalle unter den Schlüsseln der Gruppe 17 04. Genau deshalb lohnt sich die Trennung vor Ort statt einer pauschalen Containerlösung.
Eine private Entsorgung über Wertstoffhof, Bauschuttcontainer oder Restmüll scheidet bei asbesthaltigem Material aus – warum das auch für Kleinmengen wie ein paar Meter Fensterbank gilt, steht unter Asbest privat entsorgen.
Was beeinflusst den Aufwand?
- Anzahl und Lage der Fenster: Erdgeschoss und Innenbank sind etwas anderes als Außenbänke im vierten Obergeschoss mit Gerüstbedarf.
- Einbauart: Eingemörtelte oder einbetonierte Bänke lassen sich schlechter zerstörungsfrei lösen als aufgelegte.
- Befundlage: Nur Asbest, nur PCB, beides oder zusätzlich PAK aus Teerkitt – das entscheidet über Verfahren, Trennung und Entsorgungswege.
- Umfang der Fugen: Bei Plattenbauten mit Morinol kann die Fugenlänge den Aufwand stärker bestimmen als die Fensterzahl.
- Nutzung: Bewohnter Zustand verlangt Abschottung, Staubschutz und enge Zeitfenster. Wie sich das Umfeld absichern lässt, beschreibt Asbest beim Abriss und die Nachbarschaft.
- Entsorgungsweg: Deponieentfernung, Behälterart und die im Bundesland geltenden Anlieferungsregeln.
Sinnvoll ist deshalb immer: erst erkunden und beproben, dann ein Angebot auf Basis des Befunds. Ein individuelles Angebot erstellen wir kostenfrei.
Häufige Fragen zu Asbest am Fenster
Woran erkenne ich eine Asbestzement-Fensterbank? Ein erfahrener Schadstoffsachverständiger kann sie laut LfU oft bereits optisch ansprechen. Für Laien ist die Unterscheidung von moderner Faserzement- oder Kunststeinbank nicht sicher möglich – im Zweifel entscheidet die Materialprobe.
Welche Baujahre sind bei Fensterbänken kritisch? Asbestzement-Fensterbänke wurden vorwiegend in den 1960er bis 1980er Jahren und längstens bis 1992 verwendet. Bei Gebäuden aus dieser Zeit ist ein Verdacht angebracht.
Enthält alter Glaserkitt wirklich Asbest? Bis 1990 ist beim klassischen Ölkitt mit einer Beimengung von 1 bis 10 % Asbestfasern zu rechnen. Der Kitt besteht ansonsten zu etwa 15 % aus Leinöl und 85 % aus Schlämmkreide.
Was ist mit Morinol-Kitt im Plattenbau? Morinol-Fugenkitt wurde von 1963 bis etwa 1984 hergestellt und enthält rund 40 % Asbest in fest gebundener Form. Er wurde hauptsächlich für Fugen von Plattenbauten verwendet und ist immer als Verdachtsfall zu behandeln.
Darf ich meine alte Fensterbank selbst abschlagen? Bei asbestverdächtigem Material nein. Bestätigt der Befund Asbest, ist der Ausbau Fachbetrieben mit Sachkunde nach TRGS 519 vorbehalten. Winkelschleifer sind an Asbest ohnehin seit 1982 verboten.
Reicht es, nur die Fensterbank untersuchen zu lassen? Nein. Rund ums Fenster kommen mehrere Materialien in Frage: Bank, Glaserkitt, Fugenkitt und die dauerelastische Anschlussfuge, die PCB oder Chlorparaffine enthalten kann. Jedes Material braucht eine eigene Probe.
Fazit
Asbest am Fenster ist ein typischer Nebenbefund einer eigentlich harmlosen Maßnahme: Man will neue Fenster, und plötzlich stehen Asbestzement, Glaserkitt, Morinol und PCB-Fugen im Raum. Die Verdachtsmomente sind klar umrissen – Asbestzement-Fensterbänke aus den 1960ern bis 1992, Ölkitt bis 1990, Morinol von 1963 bis etwa 1984, dauerelastische Fugen vor allem aus den Jahren 1955 bis 1975.
Der Weg ist derselbe wie bei jedem Asbestverdacht: erkunden, jedes verdächtige Material einzeln beproben, dann entscheiden. Und weil am Fenster zwei ganz verschiedene Schadstoffe nebeneinanderliegen, sollte die Untersuchung von vornherein beide Themen abdecken – sonst wird der zweite Befund erst sichtbar, wenn der Container schon steht.
Wenn bei Ihnen ein Fenstertausch oder eine Fassadensanierung ansteht und das Gebäude vor 1993 gebaut wurde, sprechen Sie uns an. Wir beraten Sie kostenfrei und unverbindlich.
Quellen
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: Schadstoffratgeber Gebäuderückbau, Datenblatt 417 „Fensterbänke", Stand 09/2020
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: Schadstoffratgeber Gebäuderückbau, Datenblatt 427 „Kitt", Stand 09/2020
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: Schadstoffratgeber Gebäuderückbau, Datenblatt 419 „Fugendichtmassen", Stand 09/2020
- Bayerisches Landesamt für Umwelt: Schadstoffratgeber Gebäuderückbau, Datenblatt 501 „Asbest", Stand 09/2020
- Richtlinie für die Bewertung und Sanierung schwach gebundener Asbestprodukte in Gebäuden (Asbest-Richtlinie), Fassung Januar 1996
- TRGS 519 „Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten"
- Gefahrstoffverordnung vom 4. Dezember 2024